Jul 12, 2013

Weitsicht

in category Presseartikel
Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 12.07.2013; Text von Evelyn Vogel

München – Mutig war es vielleicht. In jedem Fall aber sehr weitsichtig. Als Barbara Ruetz 2003 die neuen Räume ihrer Galerie in der Gabelsbergerstraße bezog, begann die Maxvorstadt gerade erst, sich im Bereich zeitgenössischer Kunst einen Namen zu machen. Die Pinakothek der Moderne hatte zwar im Jahr zuvor eröffnet, doch der zweite Bauabschnitt lag erstmal auf Eis – zugunsten des Museums Brandhorst, bis zu dessen Eröffnung noch weitere sechs Jahre vergehen sollten. Wenn man – was selten genug geschah – vom „Pinakothekenviertel“ sprach, dachte man da noch vorwiegend an Alte und Neue Pinakothek. Und der Begriff „Kunstareal“ war noch nicht einmal den Köpfen von PR-Spezialisten entsprungen. Die Galerien waren entweder auf der Maximilianstraße zu Hause oder inzwischen ins Lehel und Gärtnerplatzviertel umgezogen.

„Ich weiß noch, wie ich zu der Zeit von so manchem Kollegen belächelt wurde“, erinnert sich die Galeristin. „Aber ich war stolz, dass ich mir diesen Platz – damals war hier ja noch ein Matratzengeschäft – erkämpft hatte.“ Als bald darauf direkt neben ihrer Galerie ein weiteres Ladengeschäft frei wurde, hätte Barbara Ruetz es gerne gesehen, wenn ein anderer Galerist hinzugekommen wäre. Aber sie stieß auf kein Interesse. „Viele glaubten, hier gäbe es keine Laufkundschaft und konnten nicht verstehen, wie ich das Gärtnerplatzviertel gegen diese Lage eintauschen konnte.“ Schließlich mietete sie die Räume selbst – „nach langem Hin- und Herrechnen und mit ganz viel Bauchgrimmen“. Nach einem weitern Umbau hatte die „Galerie an der Pinakothek der Moderne“ ihre heutige Struktur mit zwei separaten Bereichen für Malerei und Skulptur.

 

Zehn Jahre später hat sich die Skepsis der Galeristen in Luft aufgelöst. Die Maxvorstadt hat mit der Pinakothek der Moderne und dem Museum Brandhorst ein gewichtiges Pfund, mit dem sie in Sachen zeitgenössischer Kunst wuchern kann. Und in den vergangenen Jahren haben immer mehr Galeristen die Nähe zu den Pinakotheken gesucht – eben wegen der Laufkundschaft. Doch damals war das anders, erzählt Ruetz: „Da gab es noch Dany Keller gleich ums Eck in der Türkenstraße. Das war’s.“ Dany Keller war eine Galeristin, ach was, eine Galeristen-Institution, die immer ein gutes Gespür dafür gehabt hatte, welche Ecke Münchens angesagt war für Galerien und früh von der Maximilianstraße ins Gärtnerplatzviertel und dann eben in die Maxvorstadt umgezogen war, bevor sie ihre Zelte in München abbrach. – Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Jedes Jahr gibt die Galeristin ein bis zwei jungen Künstlern eine Chance

Zurück also zu Barbara Ruetz. Mit 18 Jahren verließ sie Rottal in Niederbayern, wo sie geboren war. „Niederbayern war mir zu eng. Ich wollte unbedingt nach München“, erzählt sie. An der TU bekam sie eine Stelle bei der Studentenvertretung, die neu geschaffen worden war. Dies erlaubte es ihr, neben der Arbeit aufs Abendgymnasium zu gehen und das Abitur nachzumachen. Es folgte ein Architekturstudium an der TU, währenddessen sie über ihren Schwager Gottfried Ruetz, einem Spezialisten für japanische Farbholzschnitte, die Kunsthandelswelt kennenlernte, erste Messe- und Ausstellungserfahrungen sammelte. „Dann habe ich meine Liebe zur zeitgenössischen Kunst entdeckt.“

1993 übernahm Barbara Ruetz die Räume eines Kunsthändlers im Glockenbachviertel. „Aber der Kunsthandel war nicht meins.“ Sie machte daraus ihre erste Galerie, die sie mit Werken eines russischen Malers eröffnete. Fünf Jahre später erfolgte der Umzug in größere Räume an der Frauenstraße am Viktualienmarkt. Von da an zeigte Ruetz auch bildhauerische Arbeiten, wenngleich auch nur gelegentlich.
Mittlerweile hat sich die Skulptur neben der Malerei im Ausstellungskonzept etabliert. „Präsentiert werden die Arbeiten aber nicht gemischt“, wie Barbara Ruetz betont, „sondern es sind immer zwei Einzelausstellungen, damit auch die Skulptur den ihr zustehenden Raum erhält.“ Für dieses Konzept hat sich die Raumsituation bewährt. In den ursprünglichen zwei Räumen zur Türkenstraße hin wird die Malerei gezeigt, in dem später dazugekommenen Bereich, von dem aus man direkt auf Pinakothek der Moderne blickt, hat die Skulptur ihren Platz gefunden.
Für die Jubiläumsausstellung hat Barbara Ruetz zweimal zehn Künstler ausgewählt. Sie sollen die Bandbreite der vorwiegend gegenständlichen Kunst, die die Galerie vertritt, repräsentieren. Nur wer dieses oder kommendes Jahr eine Einzelausstellung bei ihr hat, wird nicht in der Jubiläumsschau vertreten sein. Letztlich wurde es auf den 240 Quadratmetern dann doch ganz schön eng. Rund 30 Künstler gehören zum Stamm der Galerie. Sie kommen überwiegend aus Deutschland oder Europa, aber auch einen kleinen Schwerpunkt mit asiatischen Künstlern – vor allem aus Korea und Japan – hat Ruetz im Laufe der Jahre aufgebaut. Zuletzt sind viele jüngere Künstler dazugekommen, „Künstler, die zum Teil in ihren Heimatländern schon etabliert, aber in Deutschland noch weitgehend unbekannt sind“, erklärt Ruetz. Überhaupt zeigt sich die Galeristin sehr offen für Entdeckungen.
Jedes Jahr gibt sie ein bis zwei jungen Künstlern eine Chance. „Wir erhalten rund 700 Bewerbungen pro Jahr für eine Ausstellung, über die eine sechsköpfige Jury entscheidet“, erzählt Ruetz. Die Galeristin holt sich dazu mehrere Kunsthistoriker, einen Künstler und einen Sammler. Warum mehr Maler als Bildhauer eine Chance erhalten, bei ihr auszustellen, erklärt sie sehr einfach: „Gute Skulpturen sind schwerer zu finden als gute Malerei.“
Als einzige Galeristin Münchens hat Barbara Ruetz auch am Sonntag geöffnet. „Zwar ohne Beratung, denn es ist nur eine studentische Hilfskraft hier, die die Aufsicht führt, aber die Leute, die im Viertel bummeln, können wenigstens in Ruhe schauen.“ Das mit der Sonntagsöffnung hat sich bei Barbara Ruetz so gut bewährt, dass sie die Kollegen im Viertel überzeugen möchte mitzumachen. Die zögern aber noch. Barbara Ruetz ist mit ihrer Galerie an der Pinakothek der Moderne vielleicht auch hierbei einfach besonders weitsichtig.